„Wo beginnt die Geschichte? Wo sind die Quellen unseres individuellen Lebens? Welche versunkenen Abenteuer und Leidenschaften haben unser Wesen geformt? Woher kommt die Vielfalt widerspruchsvoller Züge und Tendenzen, aus denen unser Charakter sich zusammensetzt?“ (Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Reinbeck bei Hamburg 1984, S. 9)

Wenn sich Klaus Mann in den einleitenden Worten seiner Autobiografie fragt, woher die Vielfalt widersprüchlicher Züge und Tendenzen im Menschen kommen, vollzieht sich in diesem literarischen Akt eine Reflexion auf Lebenserfahrungen, die wohl bereits ein jeder von uns gemacht hat. In ein und derselben Person, demselben Charakterwesen, scheint es durchaus mehrere einander gegenüberstehende Kräfte zu geben: Ich sehne mich nach dem einen und tue doch das andere. Ich tue das was die Vernunft gebietet und sehne mich umso mehr nach dem Unvernünftigen. Ich erreiche das ersehnte Ziel und doch fühlt es sich nicht so schön an, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich zeige der Welt mehrere Gesichter – eines mag verständnisvoll und sympathisch sein, das andere kalt und schroff. All diese Widersprüche vereine ich in mir, in ein und demselben Charakter. Was den Willen und den Unwillen nährt, ist dabei jedoch häufig genauso undurchsichtig wie die Quelle der Sehnsüchte, der Ängste, Befürchtungen und Motivationen.

An unserer Widersprüchlichkeit entzündet sich seit jeher das Fragen nach unserer Existenz: Wer bin ich? Und warum bin ich so wie ich bin? Wir begehren nach einer Antwort, was oder wer unsere Persönlichkeit formt und steuert. Das Denken, das den Regeln der Logik folgt, reibt sich an dieser Stelle beständig auf. Besonders zermürbend sind die Situationen, wo Verstand und Erfahrung das Gebotene erkennen und einfordern, wo aber ein großer Widerstand in uns entsteht und wir wiederholt dem Zwang unserer Leidenschaften anheimfallen. Leidenschaften in diesem Sinne, wo tatsächlich Leid entsteht, weil sie über kurz oder lang zum Verhängnis werden, psychisch, körperlich und letztendlich auch gesellschaftlich. Wenn wir das Auge kurz nach innen kehren, dann wird es uns nicht schwerfallen, solche Lebenssituationen ausfindig zu machen. Der Umstand, dass es uns meist weder an Intelligenz noch an Erfahrung mangelt, weist uns umso deutlicher auf eine andere leitende Instanz unserer Persönlichkeit hin: das Unbewusste, als die Instanz, die sich dem bewussten Willen entzieht, ihm aber sehr wohl seinen eigenen unbewussten Willen aufdrängt.

Das Unbewusste spricht in Symptomen

Auch wenn das Unbewusste an sich nicht greifbar ist, so können wir seine Existenz doch anhand seiner bewusstseinsfähigen Inhalte nachweisen. Das was es auslöst und verursacht, ragt heraus wie Baumkronen aus dem tiefnebligen Wald. Insofern erkennen wir es auch nur an seinen Wirkungen in Form von Symptomen, nie an seinen Ursachen. Das griechische Wort sýmptōma verrät uns bereits auch schon wie dies von statten geht. Es leitet sich vom Verbum píptein ‘fallen, stürzen’ ab. Das Unbewusste so könnte man auch sagen, bringt das Ich-Bewusstsein, die Kontrolle des Bewusstseins, beständig zum Fallen. Anhand dieser Fälle erkennen wir das Unbewusste, nämlich dort wo es das Bewusstsein unfreiwillig und mit zum Teil weitreichenden Folgen zum „stolpern“ bringt (James Hillman).

So „stolpern“ wir im einseitigen Zwang, in der kontinuierlichen und ungewollten Wiederholung, sei es im Beziehungsleben oder im beruflichen Kontext, ähnliche Partner, ähnliche Konflikte. Wir stolpern in der Maß- und Verhältnislosigkeit, als auch dann, wenn die Stimmung unwillentlich kippt, sowie im Versprecher der losen Zunge. Das Unbewusste drängt sich auch dann auf, wenn äußerlich alles friedlich scheint und innerlich doch „Unruhe im Blut“ herrscht. Wenn der Selbstzweifel nagt, obgleich objektiv keinerlei Grund dafür bestünde. Oder wenn uns ein fremder Mensch ohne Grund in Rage bringt. Es zeigt sich in den Träumen, die nachts über uns herzufallen scheinen. Und schließlich auch in den psychosomatischen Symptomen, die quasi direkt mit unserer inneren Verfasstheit zusammenhängen und die von der bewussten Persönlichkeit nicht verursacht werden. Das Unbewusste ist Wirklichkeit indem es wirkt und zwar auf allen entscheidenden Ebenen – dem geistigen, seelischen und körperlichen Erleben. Seine Mächtigkeit zeigt sich vor allem in den ungewollten Mustern und Wiederholungen, die in ihrer Aneinanderreihung zu den eigentlichen Schicksalslinien der Persönlichkeit werden. Schicksale, die in ihren „Zügen und Tendenzen“ häufig mit denen unserer Ahnen sehr übereinstimmen. Spätestens hier erkennen wir auch die ganze Tragweite des Unbewussten, die weit über das Persönliche hinausgeht und ohne den gesamten familiären sowie kulturellen Kontext des „Mehrgenerationenwesen Mensch“ (Franz Ruppert) nicht gedacht werden kann.

Die Suprematie des Unbewussten

Das Unbewusste stellt den, der es ernst nimmt und seines Wirkens gewiss ist vor viele Herausforderungen. Durch die Einbeziehung des Unbewussten müssen wir nolens volens von der reinen Intentionalität, also der Idee des ausschließlich vernünftigen Menschen, Abstand nehmen. Gleichzeitig grenzt es beinahe an eine Zumutung an den bewussten Willen, anzuerkennen, dass es Ebenen im Menschsein gibt, die durch das Bewusstsein selber nicht erschließbar sind.

„Symptome demütigen: sie relativieren das Ich. Sie entmachten es.“ (Hillman, 1997, S. 59) Entscheidend ist also wie wir mit dieser Demütigung umgehen. Relativieren und ignorieren wir sie oder lassen wir es zu, dass aus ihr Demut entsteht, die wir als Ausgangslage zu einem tieferen Verständnis unserem Selbst nutzen. Denn die Demut will uns ja nicht per se erniedrigen, sondern verweist nach unten, auf das verborgene Machtzentrum unserer Persönlichkeit, das Unbewusste.

Für das Bewusstsein ist dieser Zusammenhang nicht immer sofort ersichtlich. Denn der Gang nach unten birgt seine Gefahren. Von jeher Wurde das Unbewusste denn auch gerne mit der Tiefe und der Dunkelheit sowie ungezügelter Leiblichkeit in Verbindung gebracht. Es ist der sinnbildliche Ort der Triebe und Ängste, des Trüben und Verwerflichen. Hier befinden sich die Tabuzonen der Menschen, der Familien und ganzer Völker. Es ist daher verständlich und auch weitläufig beobachtbar, dass alle möglichen Erklärversuche auf der horizontalen Ebene des Verstandes herangezogen werden, um das Wirken auf der vertikalen Ebene des Unbewussten zu irrealisieren. Häufig heißt es dann „das war nur, weil …“ und es werden im gleichen Atemzuge Erwägungen des Bewusstseins zitiert, die zwar irgendwie nachvollziehbar sind, jedoch nur die eigene Beunruhigung im Nachhinein zu lindern versuchen. Dass was Unruhe erzeugt, ist in Wahrheit die Erschütterung der Autonomie, der Kontrollverlust. Dieses ist das stärkste Stolpern, das angsteinflößendste Symptom.

Der zivilisatorische Geist und die cartesianische Rationalität des „cogito ergo sum“ stehen hier vor einem Dilemma, das man nur mit einer natürlichen Betrachtung auflösen kann: „Unser Bewusstsein schafft sich ja nicht selber, sondern es quillt auf aus unbekannter Tiefe. Es erwacht allmählich im Kinde und es erwacht jeden Morgen aus der Tiefe des Schlafes aus einem unbewußten Zustande. Es ist wie ein Kind, das täglich aus dem mütterlichen Urgrunde des Unbewußten geboren wird.“ (Jung 1957, S. 157)

Wer also nach einer Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ sucht, eine Veränderung in seinem Leben anstrebt oder andere Personen dabei professionell begleiten will, der wird nicht umhinkommen sich ausgiebig mit der wirkenden Realität des Unbewussten auseinanderzusetzen. Persönlichkeitsentwicklung, will sie nachhaltig sein, muss dort ansetzen, wo das heimliche Machtzentrum des Menschen liegt – im Unbewussten. Daher führen auch die gutgemeinten Ratschläge und Tipps an den Verstand so häufig zu Frust und Enttäuschung. Zum einen erinnern sie durch die Unfähigkeit ihrer Befolgung eine Person beständig daran, dass man nicht Herr im eigenen Hause ist und zum anderen richten Sie sich eben nicht an den ganzen Menschen, sondern ausschließlich an den bewussten Teil seiner Persönlichkeit. Ratschläge und Tipps erreichen nicht das Unbewusste als Ort der psychischen Kräfte, die über die Schicksalslinien entscheiden.  Wer sich hier jedoch gut auskennt, wer damit in vitaler Verbindung ist, der kann diese Macht auch für sich gewinnen und ist ihr nicht mehr hilflos ausgesetzt. Denn am Ende ist uns das Unbewusste kein Feind, sondern ein Helfer, der uns als Spiegel dient und in den wir hineinblicken können, um am Ende uns ganz zu sehen.

In seiner spiegelnden Wirkung befördert es alles ans Tageslicht, was wir in die dunklen Kammern unserer Herzens verdrängt haben, verdrängen mussten, oder im Tabu besetzten Familiensystem gelernt haben, niemals ans Licht zu holen. Wir können uns dem stellen und die Reise nach Innen antreten, oder den entgegengesetzten Weg wählen: beständig Energie aufwenden, um es zu unterdrücken, von einem zum nächsten jagen, um das Spiegelbild schnell zu vergessen und Wegsicherung betreiben, indem wir alle Spiegel verhängen. Das hier die „blinden Flecke“ vorprogrammiert sind, ist ebenso logische Konsequenz wie auch eine zunehmende Erschöpfung und Aufzehrung der vitalen Energie. Denn desto mehr Anstrengung wir in das Verbergen investieren, desto stärker wird der unbewusste Impuls, uns zum „Stolpern“ zu bringen. Das Unbewusste ist unser Schatten, der uns beständig verfolgt. Werden wir stärker und stolzer, wird er größer und dunkler. Bewusstes und Unbewusstes stehen hier zueinander in komplementärer und kompensatorischer Beziehung.

„Das Unbewusste zeigt das Gesicht, das wir ihm zeigen. Es ist wie ein Spiegel. Fliehe ich, verfolgt es mich. Bin ich hoch oben, ist es ein Abgrund unten. Bin ich zu edel, schickt es mir eklige Träume.“  (Hillman 1997, S. 69)

Lesen Sie in Teil 2 dieser Reihe zum Unbewussten: „Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust“ – Über die Stimmen des Unbewussten und wie uns unbewusste Teilpersönlichkeiten als konkreter Zugang zur Seele dienen.