Lesen Sie in Teil 2 dieser Reihe zum Unbewussten: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ – über die Stimmen des Unbewussten und wie uns unbewusste Teilpersönlichkeiten als konkreter Zugang zur Seele dienen.

Dass im Menschen mehrere Stimmen, Seelen oder Anteile wohnen, haben Dichter und Denker in ihren Werken schon weit vor seiner psychologischen Untersuchung klar und treffend zum Ausdruck gebracht. Für Faust war es der Ursprung seiner Tragödie: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“. Und Novalis kam zu der Erkenntnis: „Der Mensch ist sich selbst eine kleine Gesellschaft.“ Auch der Volksmund spricht von einer „Bauchstimme“, die dem Kopf häufig Paroli bietet und kennt den meist moralischen Zwiestreit zwischen „Engel links und Teufel rechts“.

Dass was bis hierher noch als alltäglich, normal und banal erscheint bekommt dann eine andere Brisanz, wenn wir anerkennen müssen, dass diese Stimmen uns ihren Willen aufzwingen. Denn wie äußert sich ein Selbstzweifel, das Gewissen, das Pflichtgefühl oder die viel zitierten Glaubenssätze, also all jene psychischen Kräfte, die uns so häufig das Leben schwermachen und uns unserer Freiheit berauben? Sie sprechen zu uns: in Geboten, Verboten und Mahnungen. „Du musst“, „Du kannst das nicht!“, „Das darfst das nicht!“, etc. Dabei geht es häufig nicht nur darum was sie sagen, sondern vor allem wie sie es sagen. Es sind keine wohlgemeinten Ratschläge oder vorsichtigen Hinweise, die da an uns herangetragen werden. Ihre Stimmen tragen vielmehr einen nicht verhandelbaren Absolutheitsanspruch und entfalten damit so viel Energie, dass sie das Ich-Bewusstsein vorübergehend und wiederholend in den Hintergrund stellen können. C. G. Jung sprach daher von gefühlsbetonten Komplexen, psychischen Faktoren („Machern“) die autonom im Unbewussten wirken. Die komplexartige Struktur ergibt sich durch die darin zusammenhängende Verbindung zwischen Vorkommnissen, es mögen Begegnungen, Orte oder Ereignisse sein, und den unbewussten Reaktionen darauf. Die Komplexe sind in sich geschlossen, charakteristisch und damit wiedererkennbar. Ihre Über- und Durchgriffe sind vielleicht nicht exakt voraussagbar, doch tragen sie eine erkennbare Handschrift. Wenn das Bewusstsein sie nicht unterdrücken kann, sei es im Traum, im Rausch oder unter extremen Stress, zeigen sie sich in voller Gestalt, Emotion und Sprache. In diesem Moment erkennen wir uns oder andere nicht mehr wieder, wir lernen Menschen „von einer anderen Seite“ kennen und sind im besten Falle nur erstaunt über dieses „andere Gesicht“. Jung kommt daher zu dem Schluss: „[…] im Grunde genommen gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einer Teilpersönlichkeit und einem Komplex.“ (Jung 2000, S. 189)

Bei noch genauerer Betrachtung können wir alle wesentlichen Erscheinungen des Unbewussten, so wie auch weiter oben skizziert, auf eben jene Teilpersönlichkeiten (Begriff von Pierre Janet) zurückführen. Die Stimmen dieser Teilpsychen sind nichts Pathologisches, auch wenn das Bewusstsein sie gerne in diesen Bereich verbannen und so von sich fernhalten möchte. Sie sind vielmehr die entscheidenden Strukturelemente des unbewussten Seelenlebens. Jung schreibt in diesem Sinne weiter: „Ich bin deshalb eher zur Annahme geneigt, dass autonome Komplexe zu den normalen Lebenserscheinungen gehören und die Struktur der unbewussten Psyche ausmachen.“ (Jung 2000, S. 197)

Genau an dieser Stelle setzt übrigens die Methode Voice Dialogue an, die einen Dialog mit diesen inneren Anteilen führt. Um diesen Dialog auf Augenhöhe führen zu können, ist es jedoch wichtig, Herkunft und Umgebung dieser Stimmen kennenzulernen. Es bedarf einer genaueren Topologie des Unbewussten, seinen persönlichen, familiären und kollektiven und archaischen Ebenen. Nur mit dieser geschärften Wahrnehmung kann man Lebens- und Wirkbereiche der inneren Gestalten erkennen, was zugleich der erste Schritt zu einer wirklichen Begegnung mit ihnen ist. Je nach „Wohnort“ zeigen sich die Stimmen demnach auch in spezifischer und unterschiedlicher Form, so wie auch die Kreaturen der Tiefsee sich von den Bewohnern der flachen Gewässer unterscheiden. Wer sich hier vorher nicht gut informiert, kann unsanft überrascht, ja sogar aufs äußerste erschrocken werden.

Lesen Sie mehr in Teil 3 unserer Reihe zum Unbewussten: 
Dass die inneren Stimmen existieren und im Unbewussten wallten ist uns bereits vertraut. Doch warum kann es uns nicht gelingen, sie im Zaum zu halten? Was gibt ihnen so viel Macht und Raum in der Seele, dass sie uns beständig „in die Quere kommen können“?